Pionierleistung mit Mängeln


Es gehört zu den großen Pionierleistungen der Haydn-Forschung: Das „Hoboken-Verzeichnis“ (Anthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis; Bd. I, Mainz 1957; Bd. II, Mainz 1971; Bd. III, Mainz 1978). Nach diesem Verzeichnis werden Haydns Werke generell zitiert, wobei die römische Werkgruppennummer und arabischer Zählung für die (nach Möglichkeit chronologische) Reihenfolge innerhalb einer Gruppe kombiniert werden, z. B. Hob. I:94 für die „Sinfonie mit dem Paukenschlag“. Dass Hobokens Verzeichnis inhaltlich überholt ist und zudem von vornherein mit grundsätzlichen konzeptionellen Schwächen behaftet war, ist außerhalb der Haydn-Forschung kaum bekannt.

Problematisch sind Hobokens nicht immer stimmige Werkgruppengliederung, die Nummerierungen innerhalb der Gruppen (für die er unreflektiert ältere Zählungen übernahm, was besonders bei den Sinfonien zu Unstimmigkeiten in der – grundsätzlich intendierten – Chronologie führt), sein Umgang mit Fehlzuschreibungen und die Gewichtung der Haydn-Überlieferung.

Einige Haydn fälschlich zugeschriebene Werke ordnet Hoboken sogar als echt ein – mit der Folge, dass die Divertimenti Hob. II:41–46 (mit dem von Brahms für seine „Haydn-Variationen“ gewählten Thema), das „Echodivertimento“ Hob. II:39 und die Streichquartette „Opus 3“ mit der berühmten Serenade weiterhin oft unter Haydns Namen eingespielt oder aufgeführt werden.

Problematisch ist darüber hinaus die Anordnung jener Werke, die Hoboken selbst bereits als unecht einstufte. Sie schließen sich im Verzeichnis unmittelbar an die echten an; es ändert sich lediglich die Nomenklatur, indem nach dem Doppelpunkt ein Tonartbuchstabe eingefügt wird (so bezeichnet z. B. Hob.I:1 eine „echte“ Haydn-Sinfonie, „Hob.I:C1“ die erste in der Reihe der „unechten“). Von Benutzern des Verzeichnisses wird diese Abgrenzung oft nicht erkannt. Auf der anderen Seite fehlen bei Hoboken über zweihundert Fehlzuschreibungen, die inzwischen durch die Arbeit des Haydn-Instituts ermittelt wurden. 

Da Hoboken das Verzeichnis auf Basis seiner großen Sammlung von Erst- und Frühdrucken erstellte, nehmen zeitgenössische Drucke bei ihm viel Raum ein, obwohl sie in der Haydn-Überlieferung eine eher untergeordnete Rolle spielen. Abschriften, immerhin bei weit mehr als der Hälfte von Haydns Werken Hauptüberlieferungsträger, treten bei Hoboken demgegenüber in den Hintergrund. Sie werden in der Regel überhaupt nicht beschrieben und bei den meisten Werken nicht einmal vollständig aufgelistet.

 

Ein neues Haydn-Werkverzeichnis

Mit Gründung des Joseph Haydn-Instituts 1955, dem Aufbau der umfassenden Kartei aller Haydn-Quellen und schließlich der editorischen Arbeit an der Gesamtausgabe wurden die Grundlagen für ein Werkverzeichnis geschaffen, das auf Dauer wissenschaftlichen Standards genügen kann.

Die Konzeption des neuen Werkverzeichnis ist wesentlich von seiner Funktion als Teil der Gesamtausgabe bestimmt. Wie bei Hoboken gibt es eine Gliederung in Werkgruppen (ein durchgehend chronologisches Verzeichnis, wie es Köchel für Mozart versuchte, ist bei Haydn nicht möglich), doch orientiert sie sich am Aufbau von Joseph Haydn Werke. Dies gilt auch für die Anordnung der Werke innerhalb einer Gruppe und die Darstellung der Quellen. So werden nur die überlieferungsgeschichtlich relevanten umfassend und nach philologischen Standards beschrieben, die (meist in großer Zahl vorhandenen) weiteren Quellen dagegen nur in einer Online-Quellendatenbank verzeichnet, die das gedruckte Werkverzeichnis ergänzen soll. Auch die Haydn fälschlich zugeschriebenen Werke werden vollzählig nur online zu finden sein.