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Joseph Haydn Werke (JHW)

 

Bei kaum einem anderen bedeutenden Komponisten des 18. Jahrhunderts ist die Überlieferung so problematisch wie bei Joseph Haydn. Nur zu etwa einem Drittel der Werke liegen Haydns Autographe vor; für den überwiegenden Teil seines Schaffens bilden Abschriften von Notenkopisten den Schwerpunkt der Überlieferung. (Zeitgenössische Drucke sind zwar in großer Zahl vorhanden, spielen jedoch für die Erschließung des authentischen Notentextes nur selten eine Rolle.) Viele Werke sind dabei nur in nicht-authentischen Abschriften erhalten, Abschriften also, die nicht in Haydns unmittelbarem Umkreis entstanden. In solchen Fällen müssen der eigentlichen Edition umfangreiche Untersuchungen zur Abhängigkeit der Handschriften vorangehen, damit man ein „Stemma“ (eine Art Stammbaum der Quellen) aufstellen und daraus den durch die Überlieferung verfälschten ursprünglichen Notentext rekonstruieren kann.

Eine wichtige Aufgabe der Gesamtausgabe ist es, die Echtheit von Werken zu prüfen, denn zahlreiche Kompositionen wurden Haydn fälschlich zugeschrieben – berühmte Beispiele sind die „Kindersinfonie“ (Hob. II:47), die Streichquartette „Opus 3“ (Hob. III:13–18) und jenes Divertimento, aus dem Johannes Brahms das Thema seiner „Haydn-Variationen“ nahm (Hob. II:46).

Schon um 1800, noch zu Lebzeiten Joseph Haydns, gab es „Gesamtausgaben“ von Teilen seines Schaffens. So veröffentlichten Breitkopf & Härtel in Leipzig Werke mit Klavier in den zwölf Bänden der Oeuvres complettes de Haydn; Haydns Schüler Ignaz Pleyel gab in Paris eine Collection complette aller Streichquartette heraus. Eine erste wissenschaftliche Gesamtausgabe wurde jedoch erst 1907 begonnen und kam aber 1933 nach elf Bänden zum Erliegen. Ein zweiter Versuch, getragen von der Haydn Society (Boston und Wien), brachte es 1950/51 auf nur vier Bände.

1958 erschien dann der erste Band der vom Joseph Haydn-Institut herausgegebenen Gesamtausgabe. Inzwischen liegen 107 Bände vor. Die auf 110 Noten- und zwei Textbände angelegte Ausgabe umfasst 32 Werkreihen. Innerhalb einer Reihe werden die Werke nach Möglichkeit chronologisch angeordnet. Die zu jedem Band gehörenden Kritischen Berichte erschienen bis 1979 als separate Hefte; ab 1980 sind sie in die Bände integriert. Durch die Kölner Haydn-Gesamtausgabe wurden einige Werke überhaupt erstmals der wissenschaftlichen und musikalischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, etwa Opern, Kantaten für das Fürstenhaus Esterházy, die 126 Barytontrios und über 400 Bearbeitungen britischer Volkslieder.

Die Ausgabe erscheint im G. Henle Verlag, München. Zu einzelnen Werken oder Bänden liegen praktische Ausgaben nach dem Notentext der Gesamtausgabe vor. Studienpartituren, Aufführungsmateriale und Klavierauszüge erscheinen im Henle Verlag sowie im Bärenreiter-Verlag Kassel; Leihmaterial zu Orchester- und Bühnenwerken wird von der Alkor-Edition Kassel vertrieben.

Ergänzt wird die Gesamtausgabe nach Abschluss der Notenbände durch ein Werkverzeichnis sowie eine Briefausgabe.